Musik & Punsch // 15.12. 17-20 Uhr

Stefan Theissen & Jan Vedder – Chaiper Chaiper!

Wer an der Kunstakademie Düsseldorf Malerei studiert, atmet zugleich den künstlerischen Atem seiner prominenten Vorgänger ein. War die 1773 gegründete Königlich-Preußische Kunstakademie im 19. Jahrhundert vor allem durch die Düsseldorfer Malerschule mit Kunstgattungen wie Historienmalerei, Landschaft, Genre und Stillleben ganz klassisch ausgerichtet, so entwickelte sie sich jedoch bereits Ende des 19. Jahrhunderts unter der Führung von Friedrich Wilhelm von Schadow nach und nach zu einer Institution von internationalem Rang, die offen für neue künstlerischen Tendenzen und Entwicklungen ist. Mit einstigen Schülern wie Beuys, Uecker, Richter, Knoebel oder Immendorff sowie einer internationalen Professorenschaft, die sich mit Künstlern wie Peter Doig, Rita McBride und Tony Cragg wie das Who’s Who der Gegenwartskunst liest, gilt die Akademie heute als Institution, die sich ganz dem freiheitlichen, künstlerischen Denken verpflichtet hat. Wie dieses Denken seinen malerischen Ausdruck im Jahr 2014 findet, zeigen Stefan Theissen und Jan Vedder ab 12. September in der Berliner Galerie Kuchling. Theissen und Vedder waren beide Meisterschüler in der Malklasse des dänischen Künstlers Tal R., dessen Ausdrucksmittel (Gemälde, Collagen, Installationen etc.) nicht vielfältiger sein könnten. Und so scheint es fast logisch, dass sich die Arbeiten der beiden Künstler stark von einander unterscheiden:

„Unsere Arbeitsweisen sind so unterschiedlich, dass es schon gar nicht mehr wahr sein kann“, sagt Theissen, und auf den ersten Blick würde dem auch niemand widersprechen, wenn man Theissens abstrakte Werke neben Vedders figurativer Malerei hängen sieht. Theissen (1977 geb.) absolvierte zunächst eine Ausbildung zum Glas- und Porzellanmaler, studierte dann Grafikdesign und Freie Kunst am ArtEZ Institute of Art in Arnheim bevor er 2007 an die Kunstakademie Düsseldorf kam. Grundlegend für die Arbeiten von Theissen ist die Auseinandersetzung mit der Flüchtigkeit des Moments, der raschen und unmittelbaren Wahrnehmung, die bereits im Augenblick des Erlebens schon wieder vorbei ist. Ausgangspunkt und Inspirationsquelle für seine Arbeiten sind besondere und zum Teil nicht mehr produzierte Parfums, die der Künstler sammelt und deren Duftnuancen und Wirkung er in Form und Farbe fasst: „Alles in allem geht es mir um Düfte und die Wirkungen auf andere – Flüchtigkeit, ein Anfang und ein Ende! Herz-, Basis- und Grundnote. Drydown.“ So schleudert Theissen in untitled – Egoiste (2012) von rechts und links dunkle Farbpigmente auf die grob strukturierte Leinwand, gestaltet in untitledChypre (2013) eine schimmernd flimmernde und warm vibrierende Farbfläche mit leuchtenden Farb-, ja fast Lichteffekten, während sich in Drydown (2012) ein linearer Farbnebel nach und nach über die dunkle Leinwand ergießt und – wie beim Trocknen eines Parfums auf der Haut – in ihr zu versickern scheint. Die Wahrnehmung eines Duftes oder Geruches im Allgemeinen ist rein subjektiv, aber gerade darum umso wirksamer: unwillkürlich werden Erinnerungen und Gefühle freigesetzt, denen man sich nur schwerlich entziehen kann. Andererseits bedeutet die Verwendung eines Parfums auch immer das Auftragen eines artifiziellen Duftes, der den eigenen, individuellen Geruch für eine gewisse Zeit verbirgt und verschleiert. Dieses Verstecken und Eintauchen in einem rauschhaften, intensiv emotionalen, aber nur flüchtigen Moment ist es, das Theissen fasziniert und indem er diesen Augenblick in Farbe auf die Leinwand bannt, gibt er ihm etwas, das sonst nur in der Erinnerung möglich ist: Zeit zu bestehen.

Während Theissen sich selbst als „Jonglierer, der sich durch die Materialien wühlt“ bezeichnet, ist Jan Vedder durch und durch „Vollblutmaler“, der sich akribisch und wohlüberlegt an die Umsetzung seiner Bildthemen macht. Jan Vedder (1981 geb.) kam erst durch die Kunstakademie Düsseldorf dazu, Malerei zu studieren, auch wenn er – wie er selbst sagt – mit Sicherheit auch sonst künstlerisch tätig gewesen wäre. Seine Werke in Öl auf Leinwand, auf Papier oder als raumgreifende Installation zeigen eine farbenkräftige Bildwelt, die zunächst vertraut scheint, aber durch ironische Brüche und surreale Elemente eine Doppelbödigkeit erhält, die mal spielerisch-verträumt und mal (manchmal auch im selben Moment) bedrohlich wirken kann. Mit kräftigen Pinselstrichen führt uns Vedder auf eine Bildreise, in der wir Einblicke erhalten in die Absurdität, aber auch in die märchenhafte Schönheit unseres menschlichen Daseins, in die damit verbundenen Wünsche, Träume und auch Abgründe: Wir sehen Meerjungfrauen und -männer, die zu Untersuchungszwecken nicht in einem Meer, sondern in einem beengten Schwimmbecken schwimmen, eine Mutter-Vater-Kind-Familie, die friedlich beim Kaffee sitzt, während im Hintergrund eine Atombombe am Himmel explodiert oder Hochhäuser, die wie Dominosteine zu Boden fallen. Neben diesen Werken, die uns die Fragwürdigkeit unserer Realitätskonstruktion vor Augen führen, gibt es auch Arbeiten, in denen sich Vedder ganz klassischen Motiven der Malerei widmet: Da gibt es einen schnell und impulsiv gezeichneten Rückenakt, das ausdrucksstarke Porträt eines Jazzmusikers, das mit sorgsamen Duktus gepinselte Pferd, das voller Eleganz und Leichtigkeit mit wehender Mähne durch den Schnee galoppiert. Und plötzlich wird klar: Mögen Theissen und Vedder noch so unterschiedliche Ausdrucksformen für ihre Arbeiten wählen, so haben sie doch etwas Wesentliches gemeinsam: die Liebe zur Farbe, die Liebe zur Malerei. Und ist nicht der Titel der Ausstellung „хайпер хайпер“ mit seiner Referenz zum gleichnamigen Song der Technoband Scooter, dessen Hauptzeile weniger Botschaft, aber vor allem Klang und Rhythmus ist, eben auch ein Verweis auf das Medium selbst? хайпер хайпер! Hier geht es um Rhythmus, um Klang, um Farbe, die gefeiert wird; um die Leidenschaft zur Malerei und den Drang, sich in diesem vielfältigen Medium auszudrücken.

Wer also wie die beiden Künstler Lust hat auf Farbe hat und überdies zwei ganz unterschiedliche Sicht- und Sehweisen der Malerei als Positionen der Gegenwartskunst kennenlernen möchte, der sollte die Ausstellung von Jan Vedder und Stefan Theissen in der Berliner Galerie Kuchling auf keinen Fall verpassen. хайпер хайпер!


Ausstellung vom 12.09.-11.10.2014


KÜNSTLER

Stefan Theissen    Jan Vedder