
“DIT IS DOCH EIGENTLICH OCH JANZ SCHÖN”
Die Malerin Annelotte Spieß – ein Jahrhundert der Farbe und Poesie
14. Februar – 10. April 2026
Annelotte Spieß wurde 1912 in Magdeburg geboren und erhielt ihre Ausbildung an der Hochschule für Kunsterziehung in Berlin-Schöneberg. Ihr Leben und ihre Arbeiten umspannten tiefgreifende politische und gesellschaftliche Umbrüche – vom Kaiserreich über die Weimarer Republik und den Nationalsozialismus bis hin zur DDR und dem wiedervereinigten Deutschland. Nach dem Zweiten Weltkrieg, mit Aufenthalten mit ihren beiden Kindern in Neuwasser (Ostpreußen), fand sie in Druxberge in der Magdeburger Börde ihre neue Heimat und war dort als Lehrerin und Malerin tätig.
Ihre Werke zeugen von einem feinen Farbgefühl und einem sensiblen Blick für Balance – zwischen Wandel und Beständigkeit, spielerischer Leichtigkeit und komponierter Ruhe. Die aufmerksame Beobachtung ihrer Umgebung spiegelt sich ebenso in ihren Arbeiten wider wie der Einfluss ihres Lehrers Curt Lahs und ihre Auseinandersetzung mit der Kunst Paul Klees. Eine spielerische Offenheit, die sich insbesondere in den Hiddensee-Arbeiten zu einer farbigen Leichtigkeit verdichtet, verweist auf ihre künstlerische Unabhängigkeit. Das Hinterfragen von Anweisungen und eine Haltung der Unangepasstheit begleiteten ihr Leben über viele Jahrzehnte. 1933, zu Beginn der nationalsozialistischen Diktatur, kam es in diesem Zusammenhang zu einem zeitweiligen Studienverbot.
Aufenthalte auf der Adria-Insel Krk in den 1930er-Jahren wirkten nachhaltig auf ihr künstlerisches Arbeiten. Das Blau der Adria findet in späteren Hiddensee-Aquarellen ein Echo. Wasser erscheint dabei als verbindendes Element ihres Schaffens – sowohl als Motiv als auch in der bevorzugten Maltechnik des Aquarells. Insbesondere während ihrer Aufenthalte auf Hiddensee arbeitete sie regelmäßig und mit großer Disziplin, häufig mit dem Anspruch, täglich ein Bild zu schaffen.
Zeitlebens blieb das Malen für Annelotte Spieß ein zentrales Bedürfnis und eine Quelle der Freude. Auch in schwierigen Lebensphasen bot es ihr Halt. „Ich muss auch wieder malen“, schrieb sie 1979 nach dem frühen Tod ihres Mannes an eine Studienfreundin.
Ihre wiederkehrenden Bildmotive umfassten Blumen – bevorzugt den Mohn aus dem eigenen Garten –, Landschaften der Insel Hiddensee, Reiseeindrücke aus anderen Ländern sowie den Blick aus dem Wohnzimmerfenster des roten Backsteinhauses in Druxberge. Viele ihrer Arbeiten entstanden direkt in der freien Natur; Witterungseinflüsse wie Regentropfen wurden dabei mitunter Teil der Kompositionen.
Ein besonderes Anliegen von Annelotte Spieß und ihrem Mann Hans Arthur war es, Räume für Kunst, Kultur und Gemeinschaft zu schaffen. So entstand 1980 aus ihrem ehemaligen Klassenzimmer der Dorfschule die Kleine Galerie Druxberge, die über viele Jahre hinweg als Ort des Austauschs und der kulturellen Begegnung im ländlichen Raum wirkte.
Mit ihren farbintensiven und lebendigen Arbeiten entwickelte Annelotte Spieß eine Kunst, die von einem Wunsch nach friedlichem Miteinander und gegenseitiger Rücksichtnahme getragen ist. Ihr Leben umfasste ein Jahrhundert tiefgreifender Umbrüche, geprägt von Brüchen, Kriegen und Neubeginn. Dabei blieb sie sich selbst stets treu – naturverbunden, wissbegierig und unabhängig. Ihre Aquarelle, die noch zu ihrem hundertsten Geburtstag in ihrem Beisein in Berlin ausgestellt wurden, zeugen von einer anhaltenden Freude an Farbe, Natur und Leben.


Nächste Ausstellung
IM LICHT DER LETZTEN HOFFNUNG
Erinnerung trägt den Frieden
Marguerite Blume-Cárdenas ° Christopher Blazer ° Wiebke Conrad
02. Mai – 26. Juni 2026
Vernissage: Sa, 02. Mai 18-22Uhr
Die Ausstellung „Im Licht der letzten Haltung – Erinnerung trägt den Frieden“ ist eine Besinnung auf das, was bleibt, wenn alles andere zurücktritt. Sie fragt nach jenen Momenten, in denen Gewissheiten ins Wanken geraten und Haltung als letzte sichtbare Form von Widerstand hervortritt.
Was bleibt, wenn Strukturen fallen?
Wenn politische Ordnungen enden oder innere Gewissheiten ins Wanken geraten?
Im Licht der letzten Haltung erscheint jener Augenblick, in dem nichts Sicheres mehr trägt – außer dem, was wir in uns aufrichten.
Diese Ausstellung ist nicht nur eine Gruppenausstellung. Sie ist ein Zeitraum von über 80 Jahren gelebter Haltung.
Drei Generationen – geboren 1942, 1963 und 1992 – treten in einen offenen Dialog. Ihre Arbeiten aus Sandstein, Gouache, Tusche, Acryl, Kohle und Graphit zeigen, wie unterschiedlich Frieden, Erinnerung und innere Standfestigkeit gelesen werden können. Und zugleich, wie eng diese Fragen miteinander verbunden bleiben.
Der 8. Mai 1945 markiert das Ende des Zweiten Weltkriegs – einen historischen Einschnitt, der Befreiung bedeutete und zugleich eine neue Verantwortung begründete. Doch mit dem Ende eines Systems beginnt nicht automatisch Frieden. Geschichte wirkt nach. In Körpern, in Familien, in Erzählungen – in dem, was unausgesprochen weitergetragen wird und sich über Generationen nicht auflösen lässt.
Was wurde weitergegeben?
Was haben wir – bewusst oder unbewusst – als Erbe übernommen?
Welche inneren Landschaften sind daraus gewachsen?
Zwischen Zerfall und Aufrichtung, zwischen Verletzlichkeit und Widerstandskraft entstehen Bilder und Skulpturen, die den Zustand des Dazwischen erfahrbar machen. Wenn zerbombte Erde mit der Zeit wieder Leben hervorbringt, ist auch dies ein Bild für menschliche Widerstandskraft. Aus Zerstörung entsteht Neues – doch dieses Neue ist niemals losgelöst vom Alten.
Erinnerung ist kein nostalgischer Rückblick, sondern ein Fundament. Vielleicht sogar eine Voraussetzung für Frieden – für Verständnis und ein bewusstes, spürbares Wahrnehmen dessen, was war und was werden kann.
Drei Künstler:innen – drei Generationen.
Ihre Arbeiten entziehen sich der Eindeutigkeit und öffnen einen Raum, in dem Haltung sichtbar wird.
Was im generationenübergreifenden Kontext sichtbar wird, ist eine Verschiebung der künstlerischen Sprache. Nicht als lineare Entwicklung, sondern als Veränderung der Tonlage. In den Arbeiten von Marguerite Blume-Cárdenas erscheint die Erfahrung unmittelbar im Material. Stein bleibt Stein. Die Form ist klar, die Geste entschieden. Nichts wird beschönigt. Die Skulpturen tragen das Gewicht des Erlebten – das Gesehene, das Weitergegebene. Haltung ist hier physisch. Präsenz bedeutet Standhalten. Rückt man zwei Jahrzehnte weiter, begegnet man bei Christopher Balzer einer anderen Form von Verdichtung. Das Konkrete löst sich in Struktur, in Rhythmus, in Linie. Geschichte erscheint nicht als dokumentierte Erinnerung, sondern als nachwirkende Spannung. Seine Zeichnungen oszillieren zwischen Figur und Zeichen – sie schlagen Alarm, ohne zu erklären. In den Arbeiten von Wiebke Conrad schließlich verlagert sich der Fokus in den innersten Raum des Körpers. Nähe, Verletzlichkeit und Berührung treten an die Stelle monumentaler Geste. Die Fragilität wird sichtbar – nicht als Schwäche, sondern als Möglichkeit. Hier erscheint Frieden nicht als politisches Ereignis, sondern als zwischenmenschlicher Zustand. So entsteht kein „weicheres“ Erzählen, sondern eine Verschiebung vom äußeren Ereignis zum inneren Raum.




