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Semaan Khawam & Kevork Mourad – Roots and Wings (24. Mai – 18. Juli 2018)

„Als ich 11 Jahre alt war, nahm mich mein Großvater in Syrien immer mit zu einem kleinen Stück Land, das meiner Familie gehörte, und wir verbrachten Stunden damit, die Pflanzen (dort) zu wässern und über das Leben zu sprechen. Das ist mein einziger innerer Wohlfühlort.“[1] (Semaan Khawam)

„Für mich ist ‚zuhause‘ eine sichere Umgebung, in der ich schöpferisch tätig sein kann; es ist immer dort, wo ich eine friedliche Ecke finde, in der ich meine Kunst machen kann. Aber ‚zuhause‘ ist auch der Ort, an dem meine Kunst einen Beitrag zu etwas leisten kann.“[2]  (Kevork Mourad)

 

Unser aller Identität ist unwillkürlich immer verknüpft mit der Frage nach unserer Herkunft, unseren Wurzeln. Auch wenn wir jederzeit in wenigen Stunden oder Tagen von A nach B reisen können, mit unzähligen Menschen im Minutentakt weltweit vernetzt sind und unser Geburtsort vielleicht tausende Kilometer hinter uns liegt – wenn uns jemand fragt „Woher kommst du?“ werden wir augenblicklich zurück an den Ort und zu den Menschen unserer Kindheit katapultiert.

Kevork Mourad (*1970) wurde in Qamischli, im Nordosten Syriens, geboren. Er hat armenische Wurzeln – so wie viele Syrer heute, deren Vorfahren häufig zwischen 1915 und 1945 aus dem Osmanischen Reich bzw. der heutigen Türkei nach Syrien kamen. Mourad wächst in Aleppo in ärmlichen Verhältnissen auf und beschließt bereits als 6-Jähriger, ermutigt durch seine Mitschüler und Lehrer, Künstler zu werden. Im Alter von 14 Jahren beginnt er seine Zeichnungen an eine lokale Druckerei zu verkaufen und spart das Geld, um sich – gegen den Willen der Eltern – heimlich bei der Kunsthochschule in Jerewan, Armenien, zu bewerben. Er wird angenommen, studiert Malerei und Illustration und schließt das Studium mit dem Master ab. Heute lebt und arbeitet er in New York, erinnert sich aber immer noch deutlich an das Aleppo seiner Kindertage: „Aleppo war ein begehbares Museum. Die alten traditionellen Häuser und Gassen, die Schmiedearbeiten und die Schnitzereien, die Steinreliefs und blau-weißes Porzellan, farbenprächtige getrocknete Wolle auf den Dächern… All das hat tagtäglich meine Augen genährt. Dazu kommt, dass ich mit armenischer Ikonographie in den armenischen Kirchen aufgewachsen bin.“[3] Die Eindrücke von der einst so lebendigen, 1986 zum Weltkulturerbe erklärten Stadt, die durch den anhaltenden Bürgerkrieg mittlerweile zu weiten Teilen zerstört ist, prägen Mourads Bildwelten bis heute. Hinzukommen eine große Faszination und ein hohes Verantwortungsbewusstsein für die Geschichte und Erzählungen seiner armenischen Vorfahren. So verwendet der Künstler in seinen Gemälden und Zeichnungen häufig historische Stätten und Architekturen als Motive, lässt sie wieder auferstehen und stellt sie in Bezug zum Jetzt. Als Künstler habe man die Pflicht, Zeitzeuge der eigenen Gesellschaft zu sein, sagt er.

Kevork Mourad • On the Banks of the Euphrates. 2016 • Acryl auf Leinwand. 122 x 121,5 cm

Mourads großformatige malerische Arbeit On the Banks of Euphrat (2016) zeigt daher keine paradiesische Ansicht des geschichtsträchtigen Flusses Euphrat. Stattdessen sehen wir einen stark pulsierenden Farbkosmos, in dem nur vereinzelt schemenhafte Formen wie Flügel, Fischschuppen und Pflanzen zu erkennen sind. Das Gemälde scheint beinahe vor Bewegung zu bersten; kräftige Farbspritzer, verwischte Linien, vibrierendes Rot, Schwarz, Gelb und dahinter ein zart-blauer Himmel. Der biblische Fluss, an dessen Ufern einst der Garten Eden verortet wurde, ist heute das Gewässer, das in Syrien die Frontlinie zwischen den USA und Russland markiert und zudem die Streitgrundlage um die lebenswichtige Wasserversorgung zwischen Syrien, Irak und der Türkei ist. Dieser Fluss scheint heute Welten vom einstigen irdischen Paradies entfernt. Und so zeigt Mourads Gemälde die Ufer des Euphrats nicht nur als bebendes Kriegsgebiet, zugleich erinnert es an die historische Stätte und natürliche Lebenswelt, die diese Flusslandschaft auch und vor allem ist.

In seinem querformatigen Gemälde The Book (2013) kritisiert Mourad eindrücklich den alleinigen Gültigkeitsanspruch der Religionen, den diese einfordern „ohne dabei zu bedenken, dass wir alle als eine Familie verbunden sind.“[4] Dunkelrot gefärbte menschliche Körper liegen eng neben- und übereinander am Boden. Ihre Gesichter sind verhüllt, blind, stumm und leblos liegen sie da, Hände und Füße von sich gestreckt, Haut und Kleidung sind teils mit zarten Ornamenten verziert. Am unteren Rand hält eine der Figuren reglos ein einzelnes Buch in Händen. Auch in diesem Werk arbeitet der Künstler mit pastosen Farbschichten, aus denen er nach und nach einzelne Formen und Details herausarbeitet. Insbesondere für die dunklen Konturen hat er dabei eine ganz eigene Technik entwickelt: mithilfe einer Art Pipette presst Mourad die jeweilige Farbe direkt auf die Leinwand und verwischt die so entstandene dickflüssige Linie behutsam nach dem Auftragen. Die kraftvolle und zugleich feine Kontur erinnert dabei an die arabische Kalligrafie, die traditionsgemäß häufig mit einer entsprechenden Ornamentik einhergeht.

Kevork Mourad • Facing the Sky. 2014 • Acryl auf Leinwand. 121 x 121 cm

Noch stärker tritt diese kalligrafisch geprägte Linie des Künstlers in dem Werk Facing the Sky (2014) in Erscheinung. Spiralförmig streben dort fünf Frauengestalten zum oberen Bildrand, einige halten Kinder in ihren Armen, sie schreien und strecken ihre Hände anklagend gen Himmel. Die Trauer und der Schmerz der Frauen um ihre verlorenen Kinder und Familien beherrscht diese Arbeit. Ihr anhaltender Gram lasse die Gestalten immer mehr versteinern bis sie schließlich auf diese Weise Teil der Landschaft werden, beschreibt der Künstler selbst. Das vielen seiner Werke innewohnende Gefühl der Trauer und Verzweiflung, vielleicht aber auch der Ratlosigkeit und Verlorenheit angesichts der aktuellen politischen Geschehnisse, ist eine Empfindung, mit der sich auch der heute in Beirut lebende Maler, Bildhauer und Dichter Semaan Khawam immer wieder in seinen Arbeiten auseinandersetzt. Auch er ist in Syrien geboren und hat doch eine ganz andere Geschichte auf die Frage „Woher kommst du?“ zu erzählen.

Semaan Khawam (*1974) wurde in Damaskus geboren. Auch er hat armenische Vorfahren. Bereits als 14-Jähriger zieht er mit seiner Familie nach Beirut und nimmt dort 1994 die libanesische Staatsbürgerschaft an. Doch ein Jahr zuvor geschieht das, was alles ändert: Gerade volljährig geworden, soll er zum syrischen Militärdienst einbezogen werden. Der junge Mann bekommt Panik, als er erfährt, dass er wieder zurück nach Syrien müsse, und versucht zu fliehen. Bei seinem Fluchtversuch tritt er auf eine Landmine. Er verliert ein Bein, gewinnt jedoch dafür die Freiheit, wie er selbst sagt. Im selben Jahr beginnt der Autodidakt mit dem Zeichnen, wenig später fängt er an zu schreiben. Noch heute lebt der Künstler in Beirut, obwohl er auch dort immer wieder an Grenzen stößt. 2012 droht ihm eine Haft- bzw. hohe Geldstrafe, weil er ein Graffiti in Form eines bewaffneten Soldaten als Erinnerung an den libanesischen Bürgerkrieg an eine Hauswand sprüht. 2014 wird er auf offener Straße von Unbekannten verprügelt, als sie in seinem Ausweis sehen, dass er in Syrien geboren ist. Beirut geht in Müllbergen unter und die Stadt ist auch sonst ein Spiegelbild eines von Konflikten geprägten Landes.

Semaan Khawam • Isolation. 2017 • Öl auf Leinwand. 149,5 x 99,5 cm

Im Zentrum von Khawams malerischen Arbeiten steht der „birdman“ (dt.: Vogelmann). Er ist das rastlose Alter Ego des Künstlers, Spiegel seines Inneren auf der Leinwand, zerrissen, traurig und manchmal auch wütend. Vor einem ockerfarbenen Hintergrund blickt den Betrachter frontal in das traurige, bärtige Gesicht des Birdman (2016). Hinter seinem Haupt, über seinem welligen Haar schwebt geisterhaft ein schwarzer Vogel, dessen kleines Auge bedrohlich leuchtet. Über die Wangen des Porträtierten läuft Farbe in tränenhaften Schlieren. Hier scheint jegliche Hoffnung verloren. In dem Gemälde Isolation (2017) ist die dargestellte Situation noch auswegloser und beklemmender. Dort sieht man eine kleine hölzerne Kommode, auf deren schwarz-weiß gekachelter Oberfläche eine Schüssel steht. In dieser Schüssel liegt ein männlicher Kopf, auf dem wiederum ein großer, schwarzer Vogel sitzt. Stumm blickt der Vogel auf das menschliche Haupt, seine Brust ist – ähnlich wie im Bild zuvor – mit einem blutroten Kreuz gekennzeichnet. Die Reminiszenz an bekannte kunsthistorische Darstellungen Johannes des Täufer ist unmissverständlich und verweist hier auf großes Unrecht und menschliche Grausamkeit, angesichts derer man nur noch Fassungslosigkeit empfinden kann.

Etwas weniger düster zeigt sich The fall of Icarus (2017): in einem hellen Raum schwebt eine Gestalt über dem Interieur. Ihre unterschiedlich gefärbten Beine liegen horizontal in der Luft, während die Gestalt in ihrer rechten Hand eine weiße Lilie und in der linken ein Lot hält. Das Lot wiederum hängt über einem Granatapfel und einer kleinen Skulptur, die auf einem kleinen Tisch stehen. Das eigene Gleichgewicht zu finden, sich selbst auszuloten und nicht wie Ikarus zu nah an der Sonne zu fliegen, ist Kernthema dieses Werkes, so Khawam. Dass es dazu aber manchmal die Hilfe anderer bedarf, zeigt The fall of Icarus 2 (2017). Dort schwebt oder fällt die Gestalt nun nicht mehr in einem Innenraum, sondern in der offenen Landschaft. Ihre Augen sind geschlossen und ihre rechte Hand wird von einer kopfüber am oberen Bildrand stehenden weiteren Figur gehalten. Wie im Traum scheinen die beiden Gestalten in der Landschaft zu schweben. Ob es sich bei diesen Gestalten – wie bei Dädalus und Ikarus – um Vater und Sohn handelt, lässt der Künstler dabei offen.

Semaan Khawam • Birdman (massacre in Syria). 2017 • Öl auf Leinwand. 75 x 56,5 cm

Dass nicht jede Darstellung des „birdman“ auch immer als Selbstporträt zu lesen ist, veranschaulicht die Arbeit Birdman (massacre in Syria) von 2017. Vor einem grell-roten Hintergrund sieht man die Gestalt eines Jungen oder jungen Mannes, der neben zwei Holzpfählen steht, auf denen ein kleiner schwarz-blauer Vogel sitzt. Gedankenverloren blickt der junge Mann nach unten, Gesicht und Körper sind in unterschiedliche Farbfelder aufgeteilt, sie splitten sich zu einzelnen Flächen auf, die nur noch durch ihre äußere Begrenzung zusammengehalten werden. Ob der junge Mann Semaan Khawams jüngeres Ich oder jemand anderen zeigt, bleibt dem Betrachter frei gestellt, denn der Vogelmann ist längst nicht mehr nur die Verkörperung eines Einzelnen: „Ich habe mich nie zuhause gefühlt. So lange ich nach dem Ort suche, an den ich wahrhaftig gehöre, werde ich weiterhin den ‚birdman‘ malen. Dieser ‚birdman‘ ist nun ein Symbol für all die Flüchtlinge, die krank vor Heimweh und unterwegs sind.“[5]

Die Spurensuche nach den eigenen Wurzeln, der eigenen Identität führt nicht nur in die Vergangenheit, sie führt uns genauso in die Gegenwart. Denn unsere Herkunft ist nur ein Teil unseres Ichs. Einen anderen Teil hingegen haben wir selbst in der Hand. Dieser Teil ist derjenige, der uns nicht vorgegeben ist. Es ist der Teil, der uns – mit ein wenig Glück und Mut – beflügelt, Dinge zu tun, die unseren ganz eigenen individuellen Weg formen. Und die Flügel von Kevork Mourad und Semaan Khawam haben große Schwingen. Ihre außergewöhnlichen künstlerischen Fähigkeiten und der Mut, in ihren Kunstwerken eine Position zu formulieren, welche die Wirklichkeit nicht nur reflektiert, sondern auch hinterfragt, eint die beiden so unterschiedlichen Künstler. Und trotz des Leids, das häufig aus ihren Werken spricht, wohnt beiden künstlerischen Stimmen doch eine grundlegende Hoffnung inne. Denn Semaan Khawam wäre nicht der ‚birdman‘, wenn er nicht darauf vertrauen würde, dass seine Kunst ihn beflügelt und ihn von der Beschwerlichkeit des Lebens ein Stück weit loszulösen vermag: „Jedes Mal, wenn ich male, weiß ich, dass ich ein bisschen mehr heile.“[6] Und wenn man dann Kevork Mourads sumerischen Himmelsgott des einstigen Mesopotamiens (The Sumerian Sky God, 2015) in all seiner prachtvollen Bildgewalt auf der Leinwand betrachtet, dann wird klar: manchmal sind es gerade unsere Wurzeln, die uns Flügel verleihen.

 

Text: Claudia Heidebluth


[1]      Interview mit Christiane Waked, September 2017 (http://www.neweasternpolitics.com/the-one-legged-birdman-syrian-lebanese-artist-semaan-khawam-journey-to-freedom-interview/, Stand 05/2018)

[2]      Interview mit Kevork Mourad im Mai 2018

[3]      Interview in: Amykarine Magazin 2016 (www.artfashionmag.com/kevork_mourad/, Stand: Mai 2018)

[4]      Interview mit Kevork Mourad im Mai 2018

[5]      Interview mit Christiane Waked, September 2017

[6]      Ebd.


Interviews mit Kevork Mourad & Semaan Khawam

Videos: Diana Vishnevskaya & Igor Zwetkow