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Lucy Farley – Road Trip (16. März – 11. Mai 2018)

„Afoot and light-hearted I take the open road,

Healthy, free, the world before me,

The long brown path before me leading wherever I choose.“¹

(Walt Whitman)

Wenn wir reisen, sind wir leicht. Wir lassen das Schwere, das Graue hinter uns, wir brechen auf, voller Vorfreude und Entdeckungslust. Es zählen der Augenblick und der Weg, der als unbeschriebene Fläche vor uns liegt. Wir machen den ersten Schritt, wir steigen ins Auto, aufs Fahrrad, in den Zug, ins Flugzeug und sind unterwegs. Unterwegs, mit geschärften Sinnen, neugierig auf das, was nun kommt und darauf, wie es uns verändert.

Als Lucy Farley (*1982) im Alter von 7 Jahren mit ihren Eltern für sechs Wochen durch 22 Staaten der USA reist, ergreift sie eine Faszination, die sie von da an nicht mehr loslässt. Auf der Rückbank des elterlichen Kombis sitzend, blickt sie aus dem Fenster und sieht Häuser, Menschen, Gärten, Flüsse und Wälder vorüberziehen. Flackerndes Sonnenlicht im rhythmischen Wechsel mit Silhouetten von Bäumen, Strommasten und Wassertürmen – gelb, grün, gelb, grau, braun – die Autoreifen reiben über Asphalt und Sandwege, der Fahrtwind rüttelt am halb heruntergelassenen Fenster. Jeder Tag der Reise hält neue Orte, Farben, Eindrücke und Begegnungen bereit.

Nach der Reise kehrt Farley in Gedanken immer wieder zu den besuchten Orten zurück und ruft sich die Erlebnisse und das Gesehene erneut in Erinnerung. Ihr erster Roadtrip markiert so den Beginn einer anhaltenden Liebesbeziehung zu den facettenreichen Landschaften der USA und prägt bis heute die Arbeitsweise der Künstlerin mit britischen und dänischen Wurzeln: „Ich habe immer das Bedürfnis verspürt, unter die Oberfläche eines Ortes vorzudringen, all die Elemente zu verstehen und zu erforschen, die den bestimmten Geist eines Ortes bündeln, sei es durch historische Recherche, indem ich die Personen treffe, die ihn (den Ort) bewohnen, oder einfach indem ich den Raum in mich aufnehme, während ich in einer ruhigen Ecke sitze, um stundenlang zu beobachten und Zeichnungen in meinem Notizbuch zu machen.“

Die Inspiration für ihre Arbeiten findet Farley auch heute noch auf ihren Reisen in Großbritannien, Dänemark, Frankreich, den USA oder an den Orten dazwischen. Die Skizzen, die sie unterwegs fertigt, dienen Farley dann, zurück in ihrem Atelier in London oder Köln, als Ausgangspunkt für einen visuellen und emotionalen Erinnerungsprozess, den die Künstlerin zudem durch das wiederholte Ausführen dominanter Motive in Gang setzt. Auf diese Weise arbeitet sie nach und nach das Wesen des jeweiligen Ortes und des dort Erlebten heraus und gibt ihm Farbe und Form auf dem Papier.

Stilistisch ist Farley, neben dänischen Künstlern wie Asger Jorn und Per Kirkeby und den britischen Neoromantikern der Nachkriegszeit Keith Vaughan und Graham Sutherland, vor allem durch den abstrakten Expressionismus der 1950er Jahre beeinflusst. Die Auseinandersetzung mit den Werken von Willem de Kooning, Franz Kline, Grace Hartigan und insbesondere Richard Diebenkorn prägen Farleys Arbeitsweise maßgeblich, wie sie selbst erklärt: „Ein weiterer wichtiger Auslöser war für mich, als ich das erste Mal Richard Diebenkorns ortsspezifische Arbeiten von der amerikanischen Landschaft sah, und die Weise wie er versuchte die ganz besondere ‚Essenz‘ von etwas einzufangen, indem er eine abstrakte Bildsprache verwendete; um Gemälde zu malen, die zwar abstrahiert vom Gegenstand sind, zugleich aber eine erkennbare Verbindung zu diesem beibehalten.“

Im Sommer 2016 bereist Farley erneut die Südstaaten der USA und fährt mit dem Auto auf der Great River Road entlang des Mississippi und von dort bis nach San Francisco. Während ihres Roadtrips taucht die Künstlerin gänzlich in die sie umgebende Landschaft mit ihren Bewohnern und den einzigartigen Farb- und Lichtstimmungen ein. Die besondere Intensität der Südstaaten entdeckt Farley zudem in den Erzählungen² The heart is a lonely hunter von Carson McCullers und William Faulkners The Sound and the Fury wieder, welche sie auf der Reise liest.

Derart inspiriert, entstehen dann, zurück im Atelier, Farleys neueste malerische Arbeiten, die Deep South-Serie. Die intensiven Eindrücke ihrer Reise überträgt die Künstlerin in vielschichtige Gemälde, die sich durch eine ausgeprägte Verdichtung der Formensprache auszeichnen. Kräftige Farbflächen liegen mehrfach übereinander, breite, dynamische Pinselstriche formen flächige Konturen, die wiederum von zackigen Kreideschraffuren überschritten werden. Flirrende Flächen schieben sich in gleißende Farben, werden zu vibrierendem Dunkelrot, Orange, Gold. „Es hat etwas sehr bewegendes, wenn man sieht, wie der dunkelbraune Mississippi still dahinrollt. Ich wollte die pochende rote Hitze, die tiefen, weiten Sonnenuntergänge und die Ruhe, die ich in abgelegeneren Gegenden erlebte, festhalten.“

Während sich Farley in den Arbeiten „Deep South Gold“ (2017), „Purple glow Mississippi“ (2017) und „The Mississippi Delta“ (2018) vor allem dem Südstaaten-Topos als Landschaft widmet, fängt die Künstlerin in „Under the Hill Saloon“ (2017) die abendliche Stimmung in einem überfüllten Saloon ein und erzählt in den beiden Collagen „Southern Lovers and Natchez Nights 1-2“ (2017) die unglückliche Liebesgeschichte eines Saloongastes malerisch nach. Der narrative und damit auch zeitliche Moment, der diese Arbeiten durchzieht, zeigt sich, wenn auch weniger unmittelbar, ebenso in den Landschaftsdarstellungen, die Farley nämlich als vorüberziehende Augenblicke, als flüchtige Blicke aus dem fahrenden Auto konzipiert. Die bildliche Repräsentation von unterwegs verrinnender Zeit, die uns vor allem durch Kamerabilder aus Filmen wie Easy Rider (1969), Midnight Cowboy (1969) und American Honey (2016) vertraut ist, ist zugleich ein Kernthema in Farleys Schaffen und wird von der Künstlerin in der Südstaaten-Serie mit einem kraftvollen, oft horizontal gesetzten Duktus malerisch übersetzt.

Die Tatsache, dass eine Landschaft bereits in sich zeitlich ist und sich stets verändert – während der Jahreszeiten, durch den Stand der Sonne, im Regen, bei Wind oder durch die Betrachterin selbst – führt dazu, dass viele von Farleys Arbeiten – unabhängig ob Gemälde oder Druck – in Serien entstehen. Die Serie lässt es zu, die Zeitlichkeit und Veränderlichkeit eines Motivs zu dokumentieren und zugleich in der Wiederholung den unveränderlichen Kern herauszuarbeiten. Zugleich verrät uns die wiederholte Auseinandersetzung mit demselben Motiv auch etwas über die jeweilige Stimmung der Künstlerin selbst, die sich so Farbschicht um Farbschicht, Druck für Druck immer wieder mit den Stationen ihres Lebens auseinandersetzt, reflektiert, sich erinnert.

Farley ist eine empfindsame und wohl auch nostalgische Beobachterin, deren Verbundenheit zur Natur, zur Landschaft, in der sie sich bewegt, sicherlich auch eng mit ihrer britisch-dänischen Herkunft verknüpft ist. Beide Kulturen sind für ihre naturnahe Lebensweise und die damit einhergehende lange Tradition der Landschaftsmalerei bekannt. Und so zeigt die Ausstellung neben der Deep South-Serie auch Arbeiten der Künstlerin, die von ihren Aufenthalten in England und Dänemark, aber auch in Spanien und Frankreich inspiriert sind. In diesen Arbeiten überwiegen zumeist Grün- und Blautöne, die mit gelben und orangefarbenen Akzenten oder mit einem kräftigen Rot angereichert sind. Farbgestaltung und Komposition zeigen sich hier im Vergleich zu den Südstaaten-Gemälden beruhigter und tragen doch die gleiche dynamische Grundspannung in sich. Farleys Abstraktion vom ursprünglichen Gegenstand bewegt sich dabei in fast allen Werken entlang einer fein austarierten Linie, die noch gegenständliche Assoziationen erlaubt. Mal meint man die Umrisse eines Bootrumpfes, die Zinnen eines Schornsteins, einen Leuchtturm, eine ferne Gestalt oder die Wolken am Horizont zu erkennen. Die Lücke, die zwischen dem Moment des Erinnerns und Gestaltens und dem eigentlichen Augenblick des Geschehens klafft, nutzt Farley für eben diesen Abstraktionsprozess – und noch mehr: sie sehnt sie sogar herbei. Denn in dieser Lücke gelingt es ihr, das Gefühl des Unterwegsseins erneut zu erleben, darin einzutauchen und der Wirklichkeit zu entfliehen, um ihr dann ein neues Gesicht auf dem Papier zu verleihen.

Ganz egal, wie lang eine Reise anhält und in welch unbekannte Gefilde sie uns auch führen mag, sie führt niemals von uns selbst fort. Meist ist das Gegenteil der Fall: das Reisen wirft uns auf uns selbst zurück. Mag diese Erkenntnis fast schon ein Gemeinplatz sein, so ist sie doch wesentlich, um das Werk von Farley zu verstehen: „In jedem Werk ist immer auch ein Teil von mir. Was auch immer in meinem Leben zu diesem Zeitpunkt passiert, wird durch Farbe in die fertige Arbeit übersetzt. Auch wenn ich nach äußeren Einflüssen zeichne, würde ich sagen, dass meine Arbeiten sicherlich autobiographisch sind … Die fertigen Arbeiten beziehen sich meistens auf Landschaften, aber sie können als Gefühlslandschaften betrachtet werden… Geschichten und Leben, denen ich auf meiner Reise begegnet bin, mein Leben selbst eingeschlossen, weben sich stets unbewusst in die endgültigen Arbeiten ein.“

Bereits jetzt steht schon die Route für Farleys nächsten Roadtrip fest: von der amerikanischen Westküste nördlich nach Oregon, und von dort aus gen Osten nach Montana und South Dakota soll es gehen. Aber zuvor hat die derzeitige Wahlkölnerin eine noch näher gelegene Reise geplant: sie möchte dem Verlauf der Schwarzwald-Panoramastraße folgen. Wir können also jetzt schon gespannt sein auf Farleys Fassung vom sagenumrankten Schwarzwald. Und auf all das, was noch unbeschrieben vor ihr liegt und nur auf ihren rastlosen Zeichenstift wartet.

Text: Claudia Heidebluth


¹ Aus: Leaves of Grass (1856), Kap. 40: Song of the Open Road (dt. „Gesang von der freien Straße“, übersetzt von Joh. Schlaf): „Zu Fuß und fröhlichen Herzens schlage ich die freie Straße ein, / Gesund, frei, vor mir die Welt; / Vor mir der lange, braune Pfad, der mich führt, wohin ich nur will.“

² Beide Werke sind der „Southern Gothic“ (Südstaaten-Gotik) zuzuordnen, deren Haupthandlung in den Südstaaten spielt und von exzentrischen Figuren und grotesken Szenarien getragen wird. Armut, Gewalt und Missbrauch stehen oft im Zentrum der Handlung.


 

 Interview mit Lucy Farley