Musik & Punsch // 15.12. 17-20 Uhr

Eduard Bigas – Der Geist der Orte

Städte, Dörfer, Häuser, Wohnungen oder auch nur ein Zimmer – diese kleinen und großen Begrenzungen des Raumes bilden die wenigen stabilen Knotenpunkte in dem schnellen und sich stetig verändernden Gefüge unseres Lebens. Mag sich jeder Ort auch Zeit seines Bestehens verändern, vergrößern, verkleinern, altern oder in Vergessenheit geraten, solange er jedoch als greifbarer (Lebens-)Raum existiert, führt er uns zusammen, schützt uns, bildet den Rahmen für unser Dasein, lässt uns kommen und gehen und bleibt auch noch, wenn wir schon längst woanders sind. Doch was ist, wenn wir an jedem Ort, an dem wir waren, etwas von uns zurücklassen; wenn jeder Raum auch gleichsam ein konservierendes Gefäß für unsere Gedanken, Ideen, Träume und Ängste ist? Und was wäre, wenn es gelänge, diesen Empfindungen Ausdruck zu verleihen?

Als Eduard Bigas (1969 geb.) zum ersten Mal die düsteren Schwarzweiß-Fotografien der Dessauer Bauhaus-Meisterhäuser von Lyonel Feininger sieht, ist er sofort wie hypnotisiert. Der Gedanke, dass Klee und Kandinsky zur gleichen Zeit in diesen Gebäuden arbeiteten, zu der Feininger eben jene Fotos schoss, lässt ihn nicht mehr los: „Ich wollte an seiner Stelle sein.“ Gesagt, getan. Im Herbst 2014 reist Bigas für eine Woche nach Dessau, um dort im Bauhaus-Atelier zu wohnen und sich in den Meisterhäusern auf die Spuren von Feininger, Kandinsky und Klee zu begeben. „Als Beobachter auf der Suche nach (s)einen eigenen Erfahrungen an diesem Ort“ geht es Bigas dabei nicht um eine kunsthistorische Analyse des Ortes, sondern um die kreative Auseinandersetzung mit dem Ort selbst, dem Raum als Arbeitsstätte, Inspirationsquelle, Ausdruck einer künstlerischen Idee und Träger einer Vergangenheit, die nun Teil von Bigas‘ eigener Gegenwart wird – allerdings ganz anders, als er sich es vorgestellt hat: „Ich war aber dann aber doch sehr enttäuscht, als ich das Atelier von Kandinsky sah – es sah aus wie das Wartezimmer eines Zahnarztes. Es war wohl naiv von mir zu glauben, ich könnte dieselbe Atmosphäre finden wie zu der damaligen Zeit.“ Und doch lässt die Inspiration nicht lange auf sich warten und unter den Händen von Bigas, die auf der hölzernen Oberfläche des Originalbauhaustisches hin und her fliegen, entstehen ausdrucksstarke Zeichnungen, die in klaren Konturen und Farben von seiner Begegnung mit dem Ort erzählen. Mit präzisem, fast wie gemeißeltem Duktus umreißt der Künstler seinen Triadischen Baum, der sich übermächtig und pulsierend vor dem Hintergrund des kalten, leblosen Beton des Dessauer Bauhaus-Gebäudes erhebt. Die organische Baumstruktur, die in ihrer übergroßen Vitalität beinahe ein wenig bedrohlich wirkt, steht im deutlichen Kontrast zur stilisierten Silhouette von modellhaft aneinander gereihten Bauhaus-Quadern. Es ist jene ungezügelte organische Lebendigkeit, die auch die Zeichnung Wassily prägt. Zu sehen ist die energetische Struktur, die Körpergeistfläche des Wassily Kandinsky, der von 1922 bis 1933 am Bauhaus lehrte und hier – so Bigas – mit kräftigen Schritten zum Unterricht eilt. Es ist nicht die Abbildung einer naturgetreuen Physiognomie, die Bigas reizt, sondern die Darstellung einer inneren Vorstellung oder Kraft eines Ortes oder einer Person im Bezug zum Raum, die der Künstler in unnachgiebigen Konturlinien und sorgfältig formulierten Farb-, Schraffur- und Schriftflächen einfasst.

Um den besonderen Geist der Bauhaus-Bauten auch noch an anderen Orten zu erfahren, besucht Bigas wenig später die einstige Bauhaus-Bundesschule in Bernau. Dort angekommen, trifft es ihn unerwartet: „Meine Gefühle dort waren sehr hart. Nie zuvor habe ich mich so isoliert und allein mit meiner Arbeit gefühlt … Ich verließ kaum mein Zimmer. Diese zehn Tage schienen kein Ende nehmen zu wollen. Der Wald draußen vor meinem Fenster war meine einzige Verbindung zur Außenwelt.“ Wenn der Künstler abends allein in der alten Badewanne des verlassenen Gebäudes liegt, fühlt er sich von der Geschichte des Ortes eingeschüchtert: im Mai 1933 wurde die Schule von den Nationalsozialisten zur Ausbildung von SS- und Gestapo-Angehörigen übernommen und diente im Zweiten Weltkrieg als militärischer Tagungs- und Planungsort. Und so schwebt neben dem Plätschern des langsam kalt werdenden Badewassers plötzlich auch der wehmütige Klang einer dunklen Vergangenheit durch den Raum. Unter diesen intensiven Eindrücken entstehen u. a. die beiden Zeichnungen Mortal ut plurimum und Arbeit. In Mortal ut plurimum schreitet eine mächtige Figur mit einer Waffe in der Hand über das Papier, ein von drei Kugeln durchschossener Oberkörper spaltet sich mit erhobenen Armen von der Hüfte des Wesens mit dem undurchdringlichen Gesicht. Im Hintergrund erhebt sich in graphisch-kalter Klarheit der Umriss der Bundesschule. Während Bigas so der untergründig bedrohlichen Stimmung von Bernau einen menschlich-unmenschlichen Körper verleiht, kann man Arbeit zwar ebenso als Referenz auf den umgebenden Bauhaus-Raum betrachten, vor allem ist es jedoch ein Selbstporträt des arbeitenden Künstlers. Bigas sitzt im Profil zum Betrachter auf einem typischen Bauhaus-Freischwinger und erscheint als offene und für Eindrücke durchlässige Figur. Umhüllt von einer warmgelben Glorie fließt die Inspiration, die Energie des Ortes, in ihn herein, aus ihm heraus und lässt ihn zeichnen, zeichnen, zeichnen („Dibuixo, dibuixo, dibuixo…“).

Dieses künstlerische Einfangen von – wie Bigas es selbst nennt – dem Geist der Orte, fasziniert den Künstler nicht nur in Zusammenhang mit dem Bauhaus. Obwohl der gebürtige Katalane schon in Metropolen wie Sydney und New York arbeitete, in London gelebt und derzeit in Berlin eine Heimat gefunden hat, so sind es doch die isolierten, entlegenen Orte, zu denen  Bigas sich stets hingezogen fühlte. Auch in diesem Jahr flüchtet er deshalb vor dem lauten Berlin in die Weite und Stille der Uckermark: „Dieses Mal wollte ich die Menschen aus dem Ort zeichnen – Menschen, von denen ich weiß, dass es sie gibt, die ich aber tatsächlich niemals auf den verlassenen Straßen des Ortes treffe. Die Menschen dort bleiben im Haus, sie werden im Ort geboren und sie sterben im Ort … sie bilden eine echte Einheit mit ihrem Ort.“ Diese innige Verbundenheit ist Thema der Zeichnungen zu Torsten Triology. Figur und umgebender (Natur-)Raum sind eins, bilden ein dynamisches, einander durchdringendes Gefüge, formen letztendlich die Einheit, nach der Bigas selbst auf der Suche ist. Denn wenn der Künstler im Zeichenakt dem Geist der Orte begegnet, dann wird er selbst für kurze Zeit eins mit ihm. Er nimmt ihn auf, verfließt im Raum, sammelt sich wieder, lässt fließen und zeichnet, zeichnet, zeichnet … Und dann, dann verlässt er den Ort, lässt einen Teil von sich zurück, nimmt Neues für sich mit und schafft in seinen Arbeiten etwas, das uns in Hast und Lärm des Alltags nur noch selten gelingt: einen Ausdruck für all jene stillen und lauten, heiteren und traurigen Empfindungen von jenem Ort, einen (Bild-)Raum für die empfindsame und kaum hörbare Sprache unserer Mäntel und Gehäuse aus Holz, Stein, Glas und Beton. Und dann, dann reist Bigas weiter: „Dessau, Bernau oder Orte im Nirgendwo – das sind alles nur Etappen meiner Reise. Ich liebe es, den Geist der Orte zu entdecken.“


Ausstellung vom 23. NOVEMBER 2014 – 24. JANUAR 2015


KÜNSTLER

Eduard Bigas